Kanzler's Pfauengehabe

26.09.05 | Statement

Kanzler-Sharing: Gleich zwei lahme Enten

Von Anke Mai, BR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Darauf hat Angela Merkel bestimmt nur gewartet. Sie darf, wenn es so kommt, wie Gerhard Schröder es will, Lehrling im Kanzleramt werden. Die Ausbildungsdauer schwankt zwischen 18 Monaten und zwei Jahren – und wenn es dem Lehrmeister am Ende nicht passen sollte, wird die Kleine halt doch nichts.
Denn im Ausbildungsvertrag steht nicht, dass die Gesellenprüfung automatisch erfolgreich abgeschlossen wird. Vielleicht sagt der Kanzler einfach, nein, die kann es doch nicht, hat alles keinen Zweck.
Der Gerd zeigt Angie wie es geht …
Aber Angie kann sich bestimmt kaum etwas Schöneres vorstellen, als zwei Jahre hinter Gerhard herzulaufen und sich erklären zu lassen, wie Regieren geht. Und auch für Deutschland ist das ein Modell mit Zukunft. Wir sollten das künftig immer so machen.
Erstmal muss nach der Wahl eine Übergangsphase beginnen, in der der Bundeskanzler – oder vielleicht auch mal eine Bundeskanzlerin – dem Nachfolger zeigt, wo der Bartel den Most holt. Wie das so ist, wenn man Georgie an der Strippe hat und ihm erklären muss, warum man jetzt nicht mitmarschiert, in den Iran oder sonst wohin. Und wie das so ist, wenn man am Kabinettstisch sitzt und von lauter Besserwissern umgeben ist. Obwohl, dieses Gefühl dürfte Angela Merkel aus dem CDU-Präsidium schon kennen. Trotzdem. Die hat ja nicht einmal Erfahrung als Ministerpräsidentin, also soll sie ruhig mal was lernen.
... und achtet vor allem auf sein Sieger-Image?
Kanzler-Sharing ist tatsächlich das, was Deutschland gerade ganz dringend braucht. Gleich zwei “lame ducks” auf einen Streich. Die erste lahme Ente ist der scheidende Kanzler, der im Bewusstsein seiner Endlichkeit keine bösen Reformen mehr angehen muss sondern immer schön mit dem dicken Finger auf die Nachfolgerin zeigen kann: wieso, das soll doch die erledigen. Ich ruiniere mir doch nicht mehr meinen jetzt tadellosen Ruf als ewiger Sieger.
Und die zweite lahme Ente ist die Folge-Kanzlerin, die immer die bald schon drohenden nächsten Wahlen im Blick hat, wenn sie irgendwelche unpopulären Entscheidungen treffen müsste – und deshalb alles Schwierige lieber gleich lässt. Das bringt Deutschland weiter!
Dann lieber gleich das Land verteilt regieren
Aber, wir sind ja noch offen für andere, ähnlich gute Ideen. Warum nur die zeitliche Rotation: machen wir’s doch so: Schröder soll den Norden regieren, Merkel wird Süd-Kanzlerin. Das entspräche dann tatsächlich den Mehrheiten, wie sie am Wahlabend bundesländertechnisch verteilt waren. Oder: Schröder übernimmt den Westen und die Ossi-Frau den Osten. Kanzler- und Gegenkanzlerin im direkten Vergleich, mal sehen, wer’s besser kann.
Bitte den Sandkasten verlassen!
Mal ehrlich: wenn Union und SPD es nicht schaffen, sich auf einen Kanzler zu einigen, was wollen die dann überhaupt in einer Großen Koalition? Im Sandkasten und in der Pubertät kennen wir solche Spiele: ich will aber die große Schaufel haben und: ich hab aber das tollere Handy! Und wer verloren hat, schreit lauthals: das ist gemein und unfair und überhaupt. Verlassen wir mal wieder den Sandkasten. Koalition heißt Kompromiss. Basta, Herr Schröder.
Sollten diese avantgardistischen Gedankenspiele am Ende aber auf eine Minderheitsregierung oder gar noch auf Neuwahlen hinauslaufen, dann hätten alle Beteiligten unter Beweis gestellt, dass sie es schlicht nicht können. Dieses Personal dann auch noch zur Wiederwahl vorzuschlagen, wäre die endgültige Verhöhnung der Wähler.

Stand: 26.09.2005 12:59 Uhr


Bitte treten Sie zurück

Von Roger Köppel, Tageszeitung DIE WELT vom 26.09.2005

Versenkt wurde die Trauminsel Jamaika. Die Diskussionen laufen auf eine große Koalition hinaus. Noch droht die Variante am Ego der Beteiligten zu scheitern, aber am Ende wird sich die Macht der Fakten durchsetzen.
Die von Merkel geführte Unionsfraktion hat einen Vorsprung an Stimmen und Mandaten. Muß man den Kanzler tatsächlich daran erinnern, daß in einer Demokratie Mehrheit vor gefühlter Wahrheit geht? Eine Wählerstimme Abstand reicht, um einen Regierungsanspruch zu beglaubigen. Es wäre ein würdevoller, ein staatsmännischer Akt, wenn der Kanzler im Dienst der Sache zurückträte und seine Leute von der Notwendigkeit überzeugte, die von ihm lancierte Reformpolitik unter Merkel fortzuführen.
Die Lage hat etwas Elektrisierendes. Journalisten, Politiker und Zuschauer bewegen sich auf dem gleichen Stand des Nichtwissens. Man berauscht sich an den Deutungsorgien. Tatsache bleibt: Die Wirtschaft lahmt. Der Staat verwaltet eine Arbeitslosenquote von elf Prozent. Zu leisten ist ein jährlicher Schuldendienst von 70 Milliarden Euro. Letzte Woche hat die Rating-Agentur Standard & Poor’s abermals gedroht, die Kreditwürdigkeit des Landes herunterzustufen angesichts der Selbstblockade.
Schröder hat Reformen angeschoben, sein Lebenswerk verdient Respekt. Doch das Wahlspektakel ist zu Ende, das Testosteron verdampft allmählich. Der Kanzler hätte das von ihm im Wahlkampf wider besseres Wissen verteufelte Unionsprogramm am liebsten selber umgesetzt. Das geht jetzt nicht. Herr Schröder, bitte machen Sie den Weg frei.

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