Die Panzerknacker

9.02.09 | Economics

Geschichten aus der Finanzwelt. Von René Zeyer. Manager Magazin Online

Ich gebe zu: Als ich diese Storys schrieb, wusste ich nicht, dass alles noch viel schlimmer ist. Aber am allerschlimmsten ist: Wenn sich die Weltwirtschaft vom größten Bankraub aller Zeiten erholen wird, werden die Banker genauso weiter machen, wie hier beschrieben.

Alle Storys sind aus dem wahren Leben der Finanzdienstleister gegriffen. Ich gebe auch zu, dass meine eigene Fantasie nicht ausgereicht hätte, um das zu erfinden. Natürlich wurden einige Namen und Örtlichkeiten verfremdet, um die nackte Wahrheit nicht durch dorniges juristisches Gestrüpp zu jagen.

Endlos ist das aktuelle Geschwätz über Reformen des Finanzsektors, neue Gesetze, Behörden, Regeln, Sicherheiten. Warum brauchen wir das alles? Brauchen wir es überhaupt? Wir brauchen gar nichts Neues. Nur den klaren Blick.

Wie konnte es denn soweit kommen, dass ein paar Finanzakrobaten in den USA und ihre notorischen Mitläufer in Europa weit über 1000 Milliarden Dollar, vermutlich eher 2000, verrösten konnten, ohne auch nur den kleinsten Rauch aufsteigen zu lassen?

Interessanterweise darum, weil nichts verbrannt wurde. Es wurde nur abgezogen. Jahrelang, massiv und am helllichten Tag. Denn man muss sich immer vor Augen halten: Geld verschwindet nicht, wird auch nicht vernichtet (außer durch eine galoppierende Inflation), sondern umverteilt. Hat einer weniger, hat ein anderer mehr; so einfach ist das mit dem Geld.

Das Ganze ist ein gigantischer, unverschämter, aber wohl orchestrierter Raub von ein paar Bankern am Vermögen von Millionen von Sparern und zukünftigen sowie aktiven Pensionären.

Die Werkzeuge waren nicht Dietrich oder Schweißbrenner, sondern “Finanzinstrumente”, “Derivate”,“Hedgefunds”,“Financial Engineering”, “CDO”, “Private Banking”, “persönliche Vermögensberatung”, um nur einige Stichworte zu nennen. Produkte, die so gestaltet waren, dass weder der Erfinder noch der Verkäufer und erst recht nicht der Käufer den blassesten Schimmer hatten, worum es ging und geht. Was steckt denn Neues, Innovatives hinter all diesen Derivaten, Abkürzungen und dem Fachchinesisch?

Die Antwort ist einfach: Gar nichts! Und schon gar nichts Neues. Am Anfang steht ein ebenso mittel- wie arbeitsloser Ami im Mittleren Westen der USA, und der möchte auch einmal auf großem Fuß leben. Zahllose Banken und Finanzinstitutionen ringen darum, ihm diesen Traum zu erfüllen. Bedingung: Er muss ein Haus auf sich eintragen lassen und den Kaufpreis von einer dieser “Banken”, nennen wir sie Pleitebank, bezahlen lassen.

Und versprechen, dass er dann irgendeines Tages mal einen Zins und das Darlehen zurückbezahlt, was kein Problem darstellen wird, als das Haus dannzumal ja das Doppelte wert sein werde und er dies aus dem Mehrwert bewerkstelligen könne und das Haus dann ihm alleine gehöre. Ein großartiges Versprechen, da kann eigentlich nichts schiefgehen.

Nun muss die Bank, die solch tolle Versprechungen macht, das entsprechende Geld von irgendwoher bekommen, im Banker-Talk: sich refinanzieren. Und da sie dies, basierend auf derartig windigen Darlehensnehmern, nicht bekommen kann, muss sie das Ganze “umpacken” respektive von Umpackspezialisten umpacken lassen. Sie hat aber noch einen anderen Grund, zu einer neuen Verpackung des unappetitlichen Happens zu schreiten: Die Boni ihrer Manager. Doch davon später. Diese Darlehen sind in ihrer neuen Verpackung nicht mehr als faule Kredite erkennbar und können im Gegenteil als “Finanz-Hightechprodukte” den gierigen Abnehmern angedreht werden; je fauler, desto mehr Hightech.

Dass die hochdotierten Spezialisten der Rating-Agenturen dazu nicht nur ihren Segen gaben, sondern sogar Höchstnoten verteilten, gibt einen ersten Hinweis darauf, dass es hier um mehr geht als Dummheit oder Gerissenheit.

Am Schluss hat man die seit Tausenden von Jahren einfachste Transaktion – Kreditgewährung gegen Zinsen und die durch Sicherheiten gewährleistete Rückzahlung des Kredites – in einen komplexen, völlig undurchsichtigen Taschenspielertrick umgewandelt und als Resultat des neuen “Financial Engineering” verkauft und das im Betrag von Tausenden von Milliarden von Dollars.

Interessanterweise funktionierte dieses Mal der übelste aller üblen Tricks; der mit den Immobilien. Diese Lüge hatte bisher immer kurze Beine, einfach deshalb, weil sich ja wirklich jeder Finanzlaie in etwa ein Bild machen kann, was eine Holzhütte wert ist und was definitiv nicht. Wie ist es dann möglich, dass Millionen von einfachen Sparern, aber auch hochdotierte Bankdirektoren, Pensionskassenverwalter oder andere institutionelle Anleger einmal mehr auf den primitiven Trick hereinfallen?

Die Erklärung ist vielleicht verblüffend, aber einfach: Sie wurden dazu gezwungen. Wer in den letzten zehn Jahren sein sauer verdientes Geld als Sicherheit für das Alter, die Ausbildung der Kinder oder einen späteren Hauskauf auf die Seite legte, verlor jeden Tag Geld, und je mehr er sparte, desto mehr verlor er.

Die Zinsen kompensierten bestenfalls die Teuerung, sie lagen aber regelmäßig darunter, besonders, wenn man den Warenkorb mit mehr füllte als nur mit Eiern, Bratwurst und Makkaroni. Sie lagen auf jeden Fall immer darunter, nachdem der Fiskus seinen Anteil an den Zinsen und dem Kapital abgeholt hatte. Wer sein Geld einigermaßen vor diesem Wertzerfall schützen wollte, wurde von seiner beratenden Bank höflich, aber bestimmt in den Finanzmarkt mit all seinen attraktiven Anlagemöglichkeiten gelenkt.

Der Treibstoff für diese Massenbewegung war der tiefe Zins, der sowohl in der Dollar- wie der Eurozone (und nicht zuletzt in der Schweiz) während über einem Jahrzehnt gepriesen und angewendet wurde.

Ohne diese Almosen an Zins hätte die Pleitebank ihrem Gringo das Darlehen auf seine Holzbude nicht jahrelang zinsfrei stehen lassen können, sie hätte auch gar kein De-facto-Gratisgeld bekommen; die Pensionskasse in 10.000 km Entfernung hätte keinen Hedgefund gezeichnet, sondern ihr Geld in die klassischen Instrumente wie Obligationen und ein paar Aktien investiert.

Der gigantische Kuchen wäre in sich zusammen gefallen, bevor auch nur die ersten Anzeichen von soufléartigem Aufgehen zu erkennen gewesen wären.

Nun ist es aber nicht so, dass es der Pleitebank – oder nennen wir sie zeitgemäßer Investmentbank – je um Finanzierung von Häusern gegangen wäre oder um Investment, wie man aus dem Namen schließen könnte. Und schon gar nicht um diejenigen von mittellosen Gringos. Ihr Geschäft war das Umpacken. Das Haus des Gringos diente lediglich als Alibi; es hätte auch eine Hundehütte sein können. Bei diesem Geschäft flossen die Kommissionen und daraus die Boni.

Der gigantische Kuchen wäre in sich zusammen gefallen, bevor auch nur die ersten Anzeichen von soufléartigem Aufgehen zu erkennen gewesen wären.

Nun ist es aber nicht so, dass es der Pleitebank – oder nennen wir sie zeitgemäßer Investmentbank – je um Finanzierung von Häusern gegangen wäre oder um Investment, wie man aus dem Namen schließen könnte. Und schon gar nicht um diejenigen von mittellosen Gringos. Ihr Geschäft war das Umpacken. Das Haus des Gringos diente lediglich als Alibi; es hätte auch eine Hundehütte sein können. Bei diesem Geschäft flossen die Kommissionen und daraus die Boni.

Alle Umpacker in den USA zusammen dürften in den letzten fünf Jahren sicherlich die Summe von 1000 Milliarden für ihre klammen Aktivitäten abgezweigt haben. Ohne umpacken wäre allenfalls ein Zehntel davon angefallen.

Dazu haben die “Finanzingenieure” bei ihren kriminellen Machenschaften einen Kollateralschaden ein Mehrfaches dieses Betrags verschuldet. Nun sind wir auch schon beim anzunehmenden “Schaden” angekommen. Wohl 5000 Milliarden Dollar; genau weiß man es nicht, man wird es nie wissen. Um es deutlich zu sagen: Der Minderwert des Hauses des Gringos stellt nicht den großen Schaden dar. Es war einfach überbewertet, aber immerhin ist es noch da; den kleinen Schaden hat der Gringo.

Er war pleite, jetzt ist er noch etwas mehr pleite, dafür nüchterner. Der große Schaden besteht in der gigantischen Vermögensverschiebung: von den Sparern zu den Managern der Finanzinstitute. Der Witz dabei: Die Gangster haben das Ganze völlig risikolos und ohne Angst vor Strafe durchgezogen, und die ganze Welt schaute zu und feierte die Stars einer neuen Ökonomie.

Nun wurde ja Herr Alan Greenspan, vom 11. August 1987 bis zum 31. Januar 2006 Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve System, der wichtigsten Zentralbank der Welt, mehr als einmal und von mehr als einer Seite als wohl historisch intelligente Fachkraft gepriesen. Und es ist sicher so, dass er etwelche Mängel hat, sicher aber nicht den der unterdotierten Intelligenz.

Seine berühmte Ausrede, eine Blase könne man erst erkennen, wenn sie platzt, ist genauso lahm wie seine jüngsten gewundenen Entschuldigungen. Wenn man nicht annehmen will, dass man sich im meistgefeierten Chef des FED während zwei Jahrzehnten geirrt und dass in Tat und Wahrheit ein Obertrottel die Fäden der Weltwirtschaft gezogen hatte, dann muss es eine andere Erklärung für ein derartiges Verhalten geben.

Die einzige stichhaltige Erklärung ist, dass es sich um einen gewaltigen Diebstahl handelte, bei dem Alan, wenn nicht die Strippen zog, so doch Schmiere stand.

Es ist schlicht nicht erklärbar, dass man zehn Jahre lang in aller Offenheit ein Schmierenstück durchzieht, dieses mit sibyllinischen Tönen begleitet, zuschaut, wie die Milliarden im Multipack die Seiten wechseln, die ganze Finanzwirtschaft gegen die Mauer fährt und dies mit dem Wohl der Wirtschaft zugunsten aller rechtfertigt.

Es ist offensichtlich, dass es sich hier um ein gigantisches Komplott handelt, bei dem einige Wenige ihre Macht über öffentliche Institutionen und das Volksvermögen in ungeheurer Art missbraucht haben, genauso wie Bankpräsidenten ihre Macht in den von ihnen geleiteten Banken schamlos ausgenützt haben.

Mit anderen Worten: Leute, die selbst weder investiert hatten in die Banken, die sie lenkten, noch irgendein Risiko an deren Schäden trugen, haben diese maßlos ausgelumpt und das Geld in ihre Taschen gesteckt – der größte Bankraub der Weltgeschichte, der nie hätte stattfinden können, wenn der Oberaufpasser Greenspan den Leitzins dahingebracht hätte, wohin er gehörte.

Der jahrelange Raub wurde hinter einer dichten Wand von Blabla wie Vorteile, Wichtigkeit, Notwendigkeit tiefer Zinsen für die Weltwirtschaft vernebelt. Kein einziges Mal wurde der Sparer, notabene derjenige, welcher den ganzen Schlamassel und Raub finanziert, gefragt, ob er einverstanden ist mit dem Zins, den er erhält.

Und die Behauptungen der Gurus wurden derart oft hinausposaunt, dass sie heute zur Standardausrüstung in Sachen Wirtschaft nicht nur eines Ökonomen, nein, sogar jeder Putzfrau gehören.

Und weil sie nicht stimmen, aber unverzichtbarer Rohstoff des großen Raubes sind, werden sie ununterbrochen wiederholt.

Was aber nicht gesagt wird, ist, dass tiefe Zinsen wichtig sind für die Börse, nicht aber für die Wirtschaft. Die Wirtschaft kann gut leben mit den doppelten, ja dreifachen Zinsen von heute. Und sie hat es während Jahrzehnten getan. Anfang der Achtzigerjahre stand der Leitzins des FED bei knapp zwanzig Prozent, der Realzins bei zehn Prozent. Zwar herrschte eine milde Rezession, aber untergegangen ist die Wirtschaft nicht dabei; sie kam im Gegenteil gestärkt aus jener Periode heraus. In Brasilien werden seit Jahren zehn Prozent Realzins bezahlt und zwanzig Prozent verlangt. Die Wirtschaft wächst.

Wer schon an Investitionsentscheidungen der Industrie beteiligt war oder selbst solche fällte, weiß, dass der Zins nur einer von vielen Entscheidungsfaktoren ist und in den meisten Fällen einer der unwichtigeren. In einer Payback-Rechnung, wo die übliche Zahl von fünf Jahren nicht überschritten werden soll, ist es praktisch unbedeutend, ob ein Zins von vier oder acht Prozent angesetzt wird.

Es soll hier keinesfalls hohen Zinsen das Wort geredet werden, aber es wird mit aller Klarheit verlangt, dass die Jahrtausende alte Regel wieder einmal angewandt wird, nämlich dass der Gläubiger ein anständiges Entgelt bekommt für seine Investition, und dass der Schuldner ein anständiges Entgelt bezahlt. Gegen dieses Grundgesetz jeglichen Wirtschaftens wurde über zehn Jahre lang in krimineller Absicht verstoßen. Und dies mit dem einzigen Zweck, die größte Vermögensumschichtung, den größten Raub der Weltgeschichte durchzuziehen.

Es war ein Komplott von ein paar zufällig an den Schalthebeln Sitzenden, die sich maßlos bereicherten, gegen den Rest der Menschheit – wo jeder sein Scherflein beigetragen hat und noch beitragen wird zu diesem neuen Reichtum der wenigen Räuber, sei es als Sparer, Steuerzahler, Aktionär oder als Gringo.

Wenn man die allein im Hypothekarsektor angefallenen Kommissionen, Fees, Spesen, Kickbacks und Boni auf konservativ geschätzte zehn Prozent der in den letzten drei Jahren im “Financial Engineering” umgesetzten zehn Billionen Dollar (wohlgemerkt: 10.000 Milliarden) ansetzt, dann handelt es sich nur hier schon um einen Diebstahl von 1000 Milliarden Dollar. Das gibt dem Wort Banküberfall eine ganz neue Bedeutung, dagegen verblassen die gesammelten Raubzüge der Geschichte der Menschheit.

Und noch besser für die marodierenden Bankerbanden: An Reparationen, Rückzahlungen oder Herausgabe der Beute ist ja nicht zu denken. Es wird keine internationalen Prozesse zur Aburteilung der Rädelsführer geben, Mitläufer müssen sich nicht auf Befehlsnotstand berufen oder in Schutzbehauptungen wie das Ausführen von Anordnungen flüchten.

Im Gegenteil: Die Bestohlenen dürfen nun die vor ihrer Nase und unter dem Applaus der meisten so genannten Wirtschaftsanalytiker und Fachleute abgeräumten Milliarden ersetzen und nebenher auch noch die Kollateralschäden bezahlen. Während fast alle Gauner, abgesehen von den Dummköpfen, die zu gierig waren und juristisch verwertbare Spuren hinterließen, auf ihren Yachten durch die Meere schippern, von den Terrassen ihrer Penthäuser den Sonnenuntergang genießen oder im Privatjet zu den exklusivsten Golfplätzen und Luxusressorts der Welt düsen. Davon kann jeder Bankräuber nur träumen. Aber er hat halt seinen Beruf verfehlt: Besser wäre er Banker geworden.


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